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Warum Ihr Gehirn bei Trauma „einfriert“: 5 bahnbrechende Erkenntnisse aus der Neurobiologie

1. Einleitung: Das Rätsel der Überwältigung

Ein traumatisches Erlebnis hinterlässt oft weit mehr als nur schmerzhafte Erinnerungen; es erzeugt ein tiefes Gefühl der physischen Lähmung. Viele Betroffene quälen sich Jahre später noch mit der Frage: „Warum habe ich nichts getan? Warum bin ich einfach wie erstarrt?“ Diese Hilflosigkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern die direkte Folge einer biologischen Überlastung.

Dr. Dan Siegel, Professor für Psychiatrie an der UCLA, definiert Trauma schlicht als eine Erfahrung, die unsere Kapazitäten zur Bewältigung schlichtweg überwältigt. Wenn das System überfordert ist, übernimmt eine archaische Überlebenslogik das Kommando. Doch was passiert dabei physisch in unserem Kopf, das uns in diesen Zustand der Lähmung versetzt? Die moderne Neurobiologie liefert Antworten, die nicht nur wissenschaftlich faszinierend sind, sondern auch eine enorme entlastende Kraft für die Seele besitzen.

2. Takeaway 1: Die Biologie der Hilflosigkeit – Wenn die „Kakerlake“ übernimmt

Traumatische Reaktionen werden nicht in den denkenden Teilen unseres Gehirns entschieden. Sie entspringen dem Hirnstamm, dem primitivsten Teil unseres Nervensystems. Wenn Gefahr droht, ist unser Verstand oft viel zu langsam.

Die erste Verteidigungslinie bildet der Superior Colliculus. Diese Struktur ist tief im Hirnstamm verwurzelt und direkt mit der Netzhaut des Auges verbunden. Er ermöglicht es uns, uns auf einen Prädator auszurichten, noch bevor wir bewusst registriert haben, was wir da eigentlich sehen. Direkt daneben liegt das Periaquäduktale Grau (PAG), das Dr. Bessel van der Kolk als das Herzstück der traumatischen Reaktion beschreibt.

„Das Periaquäduktale Grau (PAG) – das ich gerne als den Kakerlaken-Teil unseres Gehirns bezeichne – ist der primitivste Teil der Gefahrenerkennung im Gehirn. Bei einer traumatisierten Person ist es ständig aktiv.“ – Dr. Bessel van der Kolk

Das PAG ist blitzschnell. Es entscheidet innerhalb von Millisekunden über Kampf, Flucht oder Erstarren. Ein entscheidender Faktor, der eine Situation traumatisch macht, ist die Unausweichlichkeit (Inescapability). Wenn das Gehirn meldet, dass weder Flucht noch Kampf möglich sind, schaltet das System auf totale Hilflosigkeit um. Diese Reaktion findet subkortikal statt – sie ist also „schneller als das Denken“ und entzieht sich vollkommen der willentlichen Kontrolle.

3. Takeaway 2: Das hormonelle Paradoxon – Cortisol als (unfreiwilliger) Verräter

Während eines Traumas wird das Gehirn von einem Hormon-Cocktail überflutet, der die Art und Weise, wie wir uns erinnern, grundlegend verändert. Dabei entsteht ein problematisches Paradoxon zwischen Adrenalin und Cortisol.

Eigentlich ist Cortisol ein nützlicher Helfer: Wir brauchen es zur Mobilisierung, etwa um morgens aufzustehen oder Energie für den Tag bereitzustellen. In einer traumatischen Extremsituation jedoch kippt diese Funktion.

• Adrenalin: Es wird in den Nebennieren freigesetzt und befeuert die Amygdala. Das führt dazu, dass die emotionalen Aspekte der Erfahrung – Geräusche, Gerüche, Panik – extrem tief und intensiv im Gehirn „eingebrannt“ werden.

• Cortisol: Bei massivem Stress wirkt Cortisol toxisch auf den Hippocampus. Es dockt an spezifische Rezeptoren an und schaltet diesen Teil des Gehirns faktisch ab.

Da der Hippocampus normalerweise dafür zuständig ist, Erlebnisse mit einem Zeitstempel zu versehen und sie in eine logische Geschichte einzubauen, fehlt bei Trauma die Einordnung. Die Erinnerung wird nicht als „abgeschlossene Vergangenheit“ gespeichert, sondern bleibt als fragmentierter, zeitloser Schockzustand in der Amygdala hängen. Deshalb fühlt sich ein Flashback für Betroffene oft so an, als würde das Ereignis gerade jetzt wieder geschehen.

4. Takeaway 3: Der Freeze-Zustand – Wenn das Nervensystem gleichzeitig Gas gibt und bremst

Stellen Sie sich ein Auto vor, bei dem gleichzeitig Vollgas gegeben und die Handbremse bis zum Anschlag angezogen wird. Genau das passiert in Ihrem Körper während der Erstarrung (Freeze Response). Biologisch gesehen ist dies eine gleichzeitige, maximale Aktivierung des sympathischen Nervensystems (Gas/Kampf-Flucht) und des parasympathischen Systems (Bremse/Ruhe).

Wenn die Erstarrung nicht ausreicht, um die Gefahr abzuwenden, folgt der komplette „Shut-down“:

• Die Herzfrequenz und der Blutdruck sinken drastisch.

• Die Atmung wird flach oder setzt kurzzeitig aus.

• Die Muskeln werden schlaff (Totstellen) und der Stoffwechsel fährt herunter.

• Endorphine werden ausgeschüttet, die eine vorübergehende Schmerzunempfindlichkeit bewirken.

Evolutionär ist dies eine hocheffektive Strategie. Das „Totstellen“ kann einen Prädator dazu bringen, das Interesse zu verlieren, während die Endorphine dafür sorgen, dass wir im Falle einer Verletzung keinen unerträglichen Schmerz spüren. Es ist ein biologischer Schutzschild, auch wenn sich der Zustand des „Wegtretens“ für den Betroffenen beängstigend anfühlt.

5. Takeaway 4: Die drei Netzwerke der Desintegration

Trauma stört die Kommunikation zwischen drei zentralen Netzwerken im Gehirn. Diese Desintegration erklärt, warum der Alltag nach einem Trauma so mühsam sein kann:

1. Default Mode Network (Selbstrelevanz): Es hilft uns, uns selbst zu spüren und unsere Geschichte zu kennen. Bei Trauma ist dieses „Ich-Gefühl“ oft fragmentiert.

2. Salience Network (Bedrohungsbewertung): Es entscheidet, was wichtig ist. Bei Traumatisierten ist dieses Netzwerk oft „falsch kalibriert“, sodass neutrale Reize ständig als Lebensgefahr eingestuft werden.

3. Executive Network (Konzentration & Planung): Dieses Netzwerk ermöglicht fokussiertes Denken.

Besonders wichtig: Das Risiko für eine solche pathologische Desintegration steigt massiv, wenn in der Kindheit eine desorganisierte Bindung (disorganized attachment) zum Betreuer vorlag. Wenn die Quelle der Sicherheit (die Eltern) gleichzeitig die Quelle der Angst ist, lernt das Gehirn schon früh, zu dissoziieren, um zu überleben.

Das häufige „Zoning out“ oder Wegtreten im Alltag ist keine Faulheit, sondern eine neurobiologische Folge. Da diese Reaktionen in den tiefen Hirnstrukturen (subkortikal) entstehen, handelt es sich um eine nicht-kognitive Entscheidung. Es gibt keinen Grund für Selbstvorwürfe: Ihr Gehirn hat in einem Moment der Not einfach die einzige verfügbare Notbremse gezogen.

6. Takeaway 5: Neuroplastizität und Epigenetik – Ihr Geist kann Ihre Moleküle verändern

Die vielleicht hoffnungsvollste Erkenntnis der modernen Wissenschaft ist, dass wir nicht Sklaven unserer Biologie sind. Dr. Dan Siegel betont, dass unsere Erfahrungen die Macht haben, Gene an- oder auszuschalten – ein Feld, das wir Epigenetik nennen.

Ein anschauliches Beispiel sind die Telomere.

„Stellen Sie sich ein Chromosom wie einen langen DNA-Faden vor. Die Telomere sind wie die Schutzkappen an den Enden von Schnürsenkeln, die den Faden zusammenhalten.“ – Dr. Dan Siegel

Chronischer Stress und Trauma verkürzen diese „Schnürsenkel-Kappen“, was die Zellen altern lässt und Entzündungen fördert. Doch wir besitzen ein Reparatur-Enzym: die Telomerase. Der beste Prädiktor für die Optimierung dieses Enzyms ist laut Studien die mentale Präsenz. Achtsamkeitstraining und das bewusste Verweilen im „Hier und Jetzt“ stimulieren die Telomerase-Aktivität. Das bedeutet: Durch die Veränderung Ihres Geisteszustandes verändern Sie direkt die Moleküle Ihrer Gesundheit und schützen Ihre DNA.

Fazit: Von der Fragmentierung zur Integration

Heilung von Trauma bedeutet „Integration“ – die Wiederherstellung der Verbindung zwischen den getrennten Gehirnteilen. Ziel ist es, das Nervensystem zurück in sein Toleranzfenster (Window of Tolerance) zu führen, in dem wir weder in Panik (Hyperarousal) noch in Lähmung (Hypoarousal) verfallen.

Obwohl die Erfahrung der Dissoziation tiefgreifend ist, bleibt sie ein heilbarer Zustand. Durch sichere Beziehungen und Achtsamkeit kann das Gehirn lernen, die fragmentierten Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Wenn unser Geist tatsächlich die Macht hat, unsere Moleküle zu verändern – welche tägliche Praxis der Präsenz könnte Ihr Leben heute neu ausrichten?

Hier kannst Du auch noch das Trauma – Checkbook herunterladen. Kennzeichen von Trauma